Samstag, 18. August 2018

Worum es wirklich geht

Manch einer glaubt, bei einer Essstörung ginge es darum, abzunehmen. Dabei wird aber völlig außer Acht gelassen, dass das problematische Verhalten nicht bei einer bestimmten Zahl auf der Waage endet. Weil es nun mal nicht so einfach ist.
Manch einer glaubt, bei einer Essstörung ginge es um Kontrolle. Aber gibt es etwas, das mehr Kontrollverlust schreit, als nicht mehr in der Lage zu sein, den eigenen Körper und damit sich selbst zu versorgen? Weil es nun mal nicht so einfach ist.
Manch einer glaubt, bei einer Essstörung ginge es darum zu Kompensieren oder Druck abzubauen. Dafür gibt es jedoch weit wenige der schädigende Wege, Wege, die nicht so leicht tödlich sein können. Weil es nun mal nicht so einfach ist.
Manch einer glaubt, bei einer Essstörung ginge es um Aufmerksamkeit. Dabei leiden die meisten Betroffenen still und heimlich und fürchten die Entdeckung ihrer Erkrankung. Sie wollen verschwinden, nicht größer werden. Weil es nun mal nicht so einfach ist.

Ich habe jetzt verschiedene Dinge aufgezählt, um die es bei einer, bei meiner Essstörung nicht geht.  Bleibt die Frage, worum es wirklich geht.
Ich hatte noch nie ein normales Verhältnis zu Essen. Seit ich mich erinnern kann, war es immer eine Problematik. Und manchmal frage ich mich, ob ich schon immer eine Essstörung hatte. Der Begriff Picky Eater findet sich im ICD10 und ist eine gute Beschreibung meiner Kindheit. Das ich mich weigerte, etwas anderes als Nudeln zu essen und oft einfach gar nichts aß war nicht normal. Da waren sich schon damals alle einig. Dank meiner Oma und ihrer unglaublichen Geduld und endlosen Mühen ist mein Speiseplan inzwischen breiter gefächert. Ob das der Grund war, aus dem ich in die nächste Essstörung rutschte, weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich sehr genau an den Moment der Wende. 2008 erschien das Spiel Wii Fit erstmals in deutschen Geschäften und wie ich mit 12 war, wollte ich es unbedingt haben. Also bekam ich es. Das Problem begann mit dem ersten Benutzen. Im Spiel muss mal seine Größe angeben, das enthaltene Board wiegt dann und ermittelt einen BMI. Der Avatar auf dem Fernseher hat dadurch ungefähr die eigenen Maße. Und das war es. Ein Avatar, ein Haufen Pixel auf einem Bildschirm war nicht sehr dünn und ich beschloss, das zu ändern. Es begann mit einer Diät. Nur ein wenig abnehmen, nur die Figur dünner machen, die da herum hüpfte, mehr sollte es nie sein. Ich habe nicht geplant, was dann folgte, aber irgendwas in mir hat sich in den folgenden Jahren selbstständig gemacht.
Um das hier zu schreiben habe ich besagtes Spiel nochmal gegoogelt und gelesen, wann es erschien. 2008 ist 10 Jahre her, das ist fast die Hälfte meines Lebens. Das ist zu lang. Meine Essstörung wird Zehn und ich möchte schreien und weinen. Ich möchte dieses Spiel raussuchen und verbrennen, es mit einem Hammer zerschlagen. Ein Mal, nur ein einziges Mal soll der Hammer den wahren Bösewicht treffen, statt meine Stirn.

Worum es bei einer Essstörung wirklich geht, weiß ich nicht. Und vielleicht gibt es auch keine Antwort darauf. Vielleicht ist alles, was ich bekomme, die Chance, die nächsten zehn Jahre nicht mit so viel Leid zu füllen. Ich bin müde. Es ist anstrengend, so lange zu leiden. Doch mit der Müdigkeit kommt Unachtsamkeit, kommt Faulheit und wohin diese drei führen können, musste ich in der letzten Woche auf die harte Tour lernen. Ich bin nicht gesund. Wie könnte ich es sein, wenn die Krankheit nur hinter der nächsten Ecke auf meine Schwäche wartet und, sobald ich die zeige, zuschlägt? Hallo Rückfall.