Dienstag, 28. November 2017

Trigger

Ich kenne mich nicht besonders gut mit Waffen aus, hatte nie ein geladenes Exemplar in der Hand. Doch vorletzten Sommer konnte ich Leuten (okay, sein wir mal ehrlich, es waren allesamt Männer) beim Schießen zusehen und das hat mich viel gelehrt. 
So eine Waffe ist grundsätzlich nichts schlimmes, sie ist ebenso ungefährlich wie eine Zigarette vor dem Anzünden. Doch das Anzünden der Zigarette, das das Krebsrisiko erheblich erhöht, ist bei der Waffe gleichzusetzen mit dem Ziehen am Auslösers. Dann wird sie plötzlich gefährlich. 
Und natürlich gibt es Sicherungen. Es gibt das Gesetz, dass Zigaretten nur für Volljährige käuflich zu erwerben sind. Und auch eine Waffe hat so einen kleinen Schalter, den man erst zur Seite schnappen lassen muss, bevor man den Auslöser nutzen kann.
Überall wimmelt es von Warnungen vor Gefahren und allein aus versicherungstechnischen Gründen ist das ja auch ganz sinnvoll, aber ganz ehrlich: Wen hält das schon auf? Wenn du wirklich rauchen willst, findest du schon wen, der dir Kippen verkauft. Und vom Schießen wird dich eine kleine Metallklammer sicher nicht abhalten können. Und wenn du willst, dass es dir schlecht geht, wirst du schon einen Grund dafür finden.

Was machen wir uns eigentlich noch vor, ein Knopf, ein Zwischenschritt, würde irgendjemanden von dem fernhalten, was ihm schadet, wenn er sich schaden will? Das Internet ist groß und wunderbar, aber es hat auch seine Schattenseiten und wenn man die einmal kennt, findet man stets den Weg zu ihnen zurück. 
Trotz Warnungen, trotz einem panisch schreienden gesunden Anteil irgendwo tief in mir drin, sehe ich mir wieder und wieder die Dinge an, die mir weh getan haben und die mir immer noch weh tun. Damit reite ich mich selbst immer tiefer in die Scheiße, die mein Leben war und wenn es so weiter geht bald wieder sein wird. 

Der Versuch heraus ist da, halbherzig. 
Doch solange ich immer wieder an meinem Trigger herumspiele und die Sicherungen umgehe, kann es jederzeit passieren. 
Ein Abrutschen, ein kurzes Zucken des Fingers, ein Schuss, ein Knall,
Stille. 

Mittwoch, 22. November 2017

Selig sind die Unwissenden

Ein Umzug bedeutet in vielerlei Hinsicht auch einen Neuanfang. Wenn keiner deine Vorgeschichte kennt, kannst du sein, wer du willst. Das mit dem Lügen und Schauspielern habe ich mir schon länger abgewöhnt. Es bringt auf lange Sicht nur Probleme. Aber wenn die Augen, mit denen die anderen mich sehen, nicht von ihren Vorkenntnissen und Meinungen verklärt sind, ist die Kommunikation eine völlig andere. Und welche Vorkenntnisse die anderen erweben und wann sie das tun, ist momentan vollkommen meine Entscheidung. Die Sache mit dem Essen und was in den letzten Jahren mit meinem Gewicht passiert ist, weiß von meinen Kommilitonen niemand und irgendwie gefällt mir das. Es gibt mir Normalität, wie jemand normales behandelt zu werden. 

Neulich unterhielt ich mich mit einer Kommilitonin über Kochen und wie schwierig es ist, allein zu Leben und sie schlug, als ich ihr von meinen Backkünsten erzählte, tatsächlich vor, gemeinsam zu backen. Zunächst war ich angenehm überrascht von ihrem Vorschlag, den mir so lange keiner mehr gemacht hatte, dann jedoch begannen meine inneren Alarmglocken zu läuten. Zusammen Essen zu machen heißt meistens auch, es zusammen zu essen. Mit Mensa-Salaten komme ich so langsam zurecht und sie machen mir keine Angst mehr, aber Cupcakes mit allem drum und dran ist da schon etwas ganz anderes. Das macht mir Angst. Genauso macht mir das gestern verordnete wöchentliche Wiegen Angst, und die Ernährungsberatung. Ich weiß, dass diese Angst nicht rational ist, das da die Krankheit aus mir spricht, aber sie fühlt sich so verdammt echt an. 

Angst ist eines der stärksten Gefühle, wenn nicht das Stärkste. Ich weiß, dass ich mich ihr stellen muss, um sie zu überwinden. Doch selbst dann wird sie mir immer im Gedächtnis bleiben und so bin ich nie vollends von ihr befreit. Trotzdem ist es einen Versuch wert, um mehr die zu werden, die die Anderen hier in mir sehen. 
Ich werde nie unwissend sein, aber ich kann gesünder werden und allein das ist den Kampf schon wert. Und wer weiß, vielleicht können wir eines Tages wirklich zusammen backen, ohne Angst.

Sonntag, 12. November 2017

Klinik-Buddies

Morgen beginnt die dritte und letzte Staffel der Vox-Serie "Club der roten Bänder", in der es um Freundschaften im Krankenhaus geht, und wenn man so lange krank war wie ich und so viele Monate auf psychiatrischen und internistischen Stationen verbracht hat, kennt man solche Freundschaften und weiß sie zu schätzen.

Mein bester Freund bezeichnet uns gerne als Therapie-Buddies, denn wir haben uns in der Klapse kennengelernt und noch immer ist er so ziemlich meine größte Stütze in Sachen Therapie. DJ D und Lord Starlight sind die Namen, die ich ihm am liebsten gebe, wenn ich umgekehrt Eve Rhymes und seine Lady Starlight sein darf. Er teilt mit mir diesen Klink-Humor, den man in der Realität nicht findet. Als wir uns kennen lernten, hatte ich noch öfter Infusionen und statt mich dafür mitleidig anzusehen prägte er den Slogen "läuft bei dir" mit Blick auf meinen Tropf. Neulich erst erschufen wir uns gegenseitig aus unseren Makeln Vampir-Superkräfte und auch sonst sehe ich meine Krankheit nicht als Drama an, wenn ich mit ihm zusammen bin, sondern als etwas, über das man reden und an dem man wachsen kann. Und selbst wenn es mir noch so scheiße geht, läuft es halt bei mir und irgendwie macht es das leichter. 
Seine Gedankenwelt ist genauso verworren wie meine und damit passen wir perfekt zusammen und ein Gespräch über den Tod geliebter Menschen, den eigenen Verfall, Twilight und das Versprechen, sich im Fall der Fälle gegenseitig in Vampire mit Seelen zu verwandeln, ist wahrscheinlich mit kaum jemanden so möglich, wie mit ihm

Mit seinem weibliches Gegenstück, meine letzte Therapiebegleitung, hatte ich einen schwierigen Start. Wir lernten uns ein halbes Jahr zuvor schon kennen und als dann klar wurde, dass wir am gleichen Tag auf die gleiche Station kommen würden, merkte ich trotz meiner Schwierigkeiten Menschen zu lesen, dass ihr das so gar nicht passte. Und so kamen wir in unterschiedliche Zimmer und Therapie-Gruppen und gingen uns auf engstem Raum die ersten Wochen ziemlich aus dem Weg. Ich weiß im Nachhinein gar nicht so genau, wann sich das änderte und ob es ein langsamer Prozess oder ein Ereignis war, aber noch während der Therapie nährten wir uns wieder an. Gegen Ende des Aufenthalts teilten wir uns sogar auf eigenen Wunsch ein Zimmer.
Heute ist sie ein wichtiger Mensch in meinem Leben und wir können offen darüber reden, was uns zunächst an einander abstieß und wie verdammt gruselig wir uns am Tiefpunkt gegenseitig fanden. Sie hilft mir durch den Alltag, obwohl sie weit weg ist, mit Telefonaten, Nachrichten und Erinnerungen, an all das, was wir gemeinsam erlebt und gelernt haben. Und auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, freue ich mich jetzt schon darauf, eines Tages für sie Babysitterin zu spielen.

Auch wenn die Zeit der Klinken hoffentlich hinter mir liegt und mein Leben sich der Normalität immer weiter an nährt, tut es gut, mit Menschen über meine Eulenaugen und die Probleme, die sie nun mal mit sich bringen, reden zu können. Es tut gut, Menschen zu haben, die diesen Teil von mir verstehen, weil sie ihn erlebt haben. Eine der Hauptbotschaften der oben genannten Vox-Serie ist, das in jedem Verlust auch ein Gewinn steckt und die Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich habe über ein Jahr meines Lebens im Krankenhaus verbracht, genauer nachzurechnen bringe ich nicht über mich, und in dieser Zeit, in der ich so viel verlor, zwei Freunde gewonnen, die mir allein mit ihrer Existenz jeden Tag so viel schenken.

Mittwoch, 8. November 2017

Kontinuität und Tagesformen

Und da ist er, tatsächlich ein guter Tag, naja, zumindest ein guter Moment. 
Ich sitze in der Vorlesung und mache mir Notizen. Ich studiere. Wenn das Leben immer so wäre wie jetzt, denke ich mir, wäre alles gut. Doch das Leben spielt anders. Da muss ich nur auf gestern oder morgen schauen. 
Doch das tue ich nicht oder sehr selten. Wie oft lebe ich im Augenblick, in dem Tag, dem Datum, ohne einem Blick für all die anderen Tage? Oft, eigentlich immer. Aber anders kann ich es nicht, kann es mir nicht mal vorstellen. 

Bei mir hängst alles an der Tagesform. Von ihr hängt ab, ob ich lebe, funktioniere oder dahinvegetiere. Das alles tue ich im Wechsel, ohne je das Gefühl zu haben, etwas daran ändern zu können. Ich finde ja nicht einmal die Ursprünge davon. 
Kontinuität gibt es bei mir nicht. Nicht mal einen Text kann ich in einem Stück schreiben. Den Anfang heute Mittag geschrieben sitze ich jetzt abends bei einem Poetry Slam und versuche, ein Ende zu finden.

Der Tag ist gut geblieben. Ich habe heute keine dysfunktionalen Verhaltensweisen gezeigt. Das klingt irgendwie viel besser als speifrei sein, aber es ist das gleiche gemeint.  
Und trotz allem, obwohl heute gut war und es doch einfach so weiter gehen könnte, fürchte ich das Morgen. Denn Kontinuität gibt es bei mir nicht und alles hängt von der Tagesform ab, und auch wenn ich nicht weiß, wie ich diese kontrollieren kann, weiß ich, dass ich es bereuen werde, heute einen schönen Abend gehabt zu haben, denn solche Abende sind auch lang und wenig Schlaf tut mir nicht gut...

Kleine Siege feiern

Heute gab es Müsli zum Frühstück, Müsli mit Joghurt.
Das mag langweilig klingen, doch manchmal ist Langeweile gut. Für mich ist es ein kleiner Sieg.

Früher war Müsli mit Joghurt mein normales Frühstück. Inzwischen war es meist ein Knäckebrot mit Frischkäse oder ein Apfel oder auch all zu oft nichts. Und ja, ich weiß, dass das nicht gut ist. Doch etwas zu wissen oder danach zu handeln sind zwei verschiedene Dinge. Das weiß ich nur zu gut. 
Heute habe ich gehandelt. Ein normales Frühstück. Und es ist drin geblieben.
Und natürlich habe ich mich danach furchtbar und fett und alles gefühlt, doch es hat funktioniert. 

Ich bin nicht so stolz, wie ich sein sollte. Zu stark ist die Stimme in mir, die mich dafür verurteilt, dass ich gegessen habe. Und auch wenn ich weiß, dass diese Stimme die Essstörung ist, glaube ich ihr manchmal noch immer. Das ist wahrscheinlich ein Teil des Problems. Doch wie neulich jemand zu mir sagte, ich habe es schon mal geschafft, mich von der Krankheit zu entfernen, und das werde ich auch wieder schaffen, da bin ich sicher. Das danach, das Wegbleiben, das ist das eigentlich schwierige. Und das werde ich noch lernen müssen.

Dienstag, 7. November 2017

Das Heute annehmen

Heute ist Dienstag. Es war kein guter Tag.
Abends im Bett sortiere ich alles nochmal und versuche, ein Fazit zu ziehen. Es ist kein gutes.
Mit dem Wort schlecht tue ich mich sehr schwer. Es ging mir schon mal schlecht und ich habe das Gefühl nicht vergessen und setzte seit damals alles in einen gewissen Vergleich dazu. Damit war das heute nicht anehrend vergleichbar und damit war es nicht schlecht, aber eben auch nicht gut.
Anderseits vermag ich gerade nicht zu sagen, wann es zum letzten Mal wirklich gut war. Es, das ist mein Leben und wie ich damit umgehe.
Doch ich habe entschieden, mich nicht zu grämen, das habe ich heute weiß Gott schon genug getan. Stattdessen will ich, wie ich in der Therapie gelernt habe, das heute annehmen, denn ändern kann ich es eh nicht mehr. Morgen ist ein neuer Tag, den ich jetzt schon fürchte.

Heute hatte gerade in der Uni im Seminar eine Reizüberflutung. Die Welt wurde nach und nach zu viel und ich konnte die Reize nicht mehr manuell filtern. Sie strömten einfach auf mich ein und ich versank in dem Strudel aus Informationen, bis ich mich nicht mehr bewegen konnte. Ich saß einfach nur da, auf meinem Stuhl, zwischen den Kommilitonen und nahm gleichzeitig alles und nichts war. Ich sah mir selbst beim zittern zu, ohne was daran ändern zu können. Sprechen oder eine simple Bewegung erscheinen unmöglich. Und so starrte ich auf die Türklinke, die mir gegenüber war, und wartet. Ich stellte mir vor, dass die Reize Nadeln wäre, die sich in mich bohren und das es, wenn ich nur still halte und mich konzentriere, schneller vorbei wäre. Doch es ging nicht vorbei. Also sammelte ich meine Kraft und setzte meine eigene Nadel. Ich sagte der Dozenten, dass ich krank sei und verließ fluchtartig den Raum. Kaum draußen begann ich zu weinen. Einfach so. Ich wollte nur heim, in einen Rückzugsort. Doch der Weg war weit und als mich an der ersten Kreuzig fast ein Fahrrad umfuhr gestand ich mir ein, dass es unmöglich war. Also ging ich zurück in die Uni und versteckte mich im FSR-Raum über eine Stunde mit Kopfhörern, beruhigender Musik und geschlossenen Augen eingerollt unter meiner Jacke, bis ich mich wieder etwas mehr wie ich selbst fühlte. Der Heimweg war dann zwar immer noch schwer, aber zumindest nicht mehr unmöglich.

Seit dem Umzug in eine neue Stadt hatte ich mit diesem Tag gerechnet, doch als er ausblieb, dachte ich, dass er nicht mehr käme. Und so hat er mich letztendlich doch überrascht. Mist!

Nach ein paar Stunden im Bett fühle ich mich wieder ok. Die Nachwirkungen von heute und die Angst vor einer Wiederholung werden mich wohl noch eine Weile begleiten. Es bleibt das große Warum. Warum heute? Warum jetzt? Warum ich? Doch die Antworten werden Zeit brauchen, wenn sie überhaupt auftauchen. Und damit komme ich klar. 
Meine Gedanken wandern weiter zum Morgen, ein neuer Versuch, und langsam weicht die Angst der Hoffnung, dass es gut werden könnte.