Donnerstag, 30. Dezember 2021
Kreisendes Licht
Sonntag, 3. Oktober 2021
Danach
Montag, 20. September 2021
Was gut war
Überleben
Sonntag, 27. Juni 2021
Hinter dem Spiegel
In letzter Zeit sehe ich wieder mehr in den Spiegel und betrachte die, die mich von dort anblickt. Seit einer Weile weiß ich jetzt, dass es nicht die Norm ist, einen Spiegel zu brauchen, um zu begreifen, wie Lippen und Augen geformt sind, wie das Kinn sich biegt und die Nase sich bewegt. Seit einer Weile würde ich das Bild hinterm Glas gerne festhalten können, würde gerne die Augen schließen und es sehen können. Seit ich weiß, dass mir etwas fehlt, fehlt es mir tatsächlich. Es fehlt mir, zu wissen, wie sich die Haut um das Blau seiner Augen formt, wenn ich ihn gerade nicht sehe. Es fehlt mir, ihr Lachen, dass ich besser kenne, als jedes andere, vor meinem inneren Auge zu sehen statt nur zu hören. Es fehlt mir, den Schwung seines Bartes, in dem sich so oft meine Finger verlieren, in dieser ungewohnten Entfernung noch zu kennen. Es fehlt mir, eine Beständigkeit zu haben bei etwas, das ich jeden Tag ersten Mal sehe und dann doch nie behalte.
Donnerstag, 17. Juni 2021
Meine Seite der Geschichte
Wenn ich schreibe, schreibe ich über mich. Ich-Erzähler ist die Form, in der bloggen funktioniert. Doch manchmal würde ich gerne als allwissender Erzähler schreiben, will schreiben, wie Eve sich vor ihren Laptop setzt und diese Worte tippt und was die Person neben ihr dabei denkt. Doch ich weiß nicht, was die Person neben mir denkt. Ich kenne stets nur meinen eigenen Teil der Geschichte und kann nichts über die der anderen sagen.
Alles, was ich schreibe, hat einen Bias und ist sehr stark durch meine Wahrnehmung geprägt. So funktioniert die Welt und manchmal überfordert mich das. Manchmal würde ich gerne Gedanken lesen können, würde gerne die Erinnerungen gemeinsamer Erlebnisse von anderen abrufen können und begreifen, wie sehr der Blickwinkel die Geschichte bestimmt.
Es gibt Menschen, in deren Geschichte ich der Bösewicht bin. Bei manchen von ihnen weiß ich das und kann es verstehen. Bei anderen weiß ich es und möchte es verstehen. Bei einem weiß ich es und möchte widersprechen. Denn er ist ein Bösewicht in meiner.
Jede Geschichte hat zwei Seiten und ich kenne stets nur meine eigene. Ich weiß nicht, wie ich unsere Beziehung im Nachhinein fair beschreiben könnte, denn mit Innensicht von mir und Außensicht von ihm wird es immer eine klare Tendenz, eine Täterrolle geben. Ich weiß das und doch kann ich es nur bedingt ändern. Selbst, wenn ich immer dazu sage, das seine Taten nur ein Versehen sein könnten, dass das Muster nur ein Zufall sein könnte, spätestens wenn ich von den Flashbacks und der Panik erzähle, die mich heute so verlässlich begleiten, bilden sich Menschen eine Meinung. So wie ich mir ein gebildet habe. Ich sage mir selbst immer wieder, dass ich Unrecht haben könnte, manchmal glaube ich das sogar, aber letztendlich ändert es nichts. Es ändert nicht, dass ich langfristig eine Traumatherapie machen muss. Es ändert nicht, dass ich bei dem einfachen Gedanken daran, ihn wiederzusehen dissoziiere. Es ändert nicht, dass ich an schlechten Tagen Angst vor Duschen habe.
Wenn ich aus einer allwissenden Perspektive schreiben würde, wäre dies der Teil, an dem seine Meinung steht und seine Sicht der Dinge. Hier würde stehen, wie es ihm heute geht und wer weiß, vielleicht würde sich daraus ein ganz anderes Täterbild ergeben. Vielleicht wäre ich dann die Böse oder dieser Beitrag zumindest besser ausgewogen. Ich wünschte, ich könnte hier die Perspektive wechseln und so zwischen den Worten die Wahrheit finden, was das damals war. Ich wünschte, ich könnte hier ein für allemal klären, welche Seite Recht hat oder wo in der Mitte letztendlich die richtige Perspektive liegt, aber leider bleibt mir nichts als mein eigenes Gefühl, mein eigener verfälschender Blick, um die Dinge einzuordnen.
Frustriert von dieser Erkenntnis, die sie eigentlich schon immer hatte, beendet Eve ihren Blogpost, atmet einmal tief durch, um all die Gefühle, die sich während des Schreibens in ihr anstauten, rauszulassen und drückt auf den kleinen roten Knopf, der ihre Worte in die Welt schickt, wo sich andere ein Bild davon machen können. Die Menschen um sie herum merken nichts davon. Sie sind mit ihren eigenen Geschichten beschäftigt.
Montag, 14. Juni 2021
Zeitschnipsel
Vor 6 Monaten standen Menschen unter verbotenem Feuerwerk und sagten sich selbst, dass ab morgen alles anders wird. Vor 6 Monaten war ich in einer Beziehung, umgeben von Freunden und trotz allem, was das Jahr von uns gefordert hatte, glücklich. Ich sagte nichts zu mir selbst, machte mir keine Vorsätze. Ich plane mein Leben nicht, ich fließe mit ihm. Ich floss mit den Gefühlen, die im Januar erstmals Wellen warfen, ungeplant, unerwartet und doch zu schön, um sich nicht mitreißen zu lassen. Damals war alles noch unsicher.
Vor 2 Tagen standen Menschen in vertrauter Fröhlichkeit um einen Pool und sagten einander, dass sie glücklich sind. Das Wasser durchtränkte vier von Ihnen. Ich blieb trocken und fühlte mich sicher, inmitten von Fremden, die keine mehr sind.
Freitag, 4. Juni 2021
Fortsetzung oder Neubeginn
Das Buch meines Lebens besteht aus vielen Kapiteln und so wie der alte Blog das Kapitel, das Jahr in Jena einschließt, all das Drama und das Glück dort einrahmt, war das hier das Kapitel meines Ankommens in Hamburg. Es war das finden einer Zuhauses in der Hansestadt und in mir selbst. Doch während das Jahr in Jena mit klarem Ende und Beginn so schön fassbar war, sind Grenzen jetzt verschwommener. Ich habe in Hamburg einen Platz zum Ankern gefunden. Ich habe Menschen in meinem Leben, die mich glücklich machen. Ich bin mit mir selbst glücklich (ja, hätte auch nie gedacht, dass ich das mal schreibe). Doch all das war ein fließender Prozess und wo soll ich da den Absatz setzen?
Ich möchte wieder schreiben und ich möchte wieder bloggen und nachdem ich jetzt wochenlang hier saß und mich fragte, ob ich einen neuen Blog erstelle, für das Kapitel, in dem ich jetzt lebe, ist mir klar geworden, ende ich doch immer wieder hier. Das hier ist kein Neubeginn, es ist eine Fortsetzung. In meinem Leben gibt es gerade keinen scharfen Schnitt, keinen Bühnenwechsel, es gibt nur mich, die sich immer weiter findet, die ihren Weg immer weiter findet. Ich habe noch immer Eulenaugen. Mein Leben ist anders und doch irgendwie dasselbe. Ich könnte jetzt all das, was passiert ist und passiert hier aufschreiben. Ich schreibe:
Einen Absatz über das Trauma, das mich immer wieder lähmt. Einen Absatz über die neue Wohnung, das neue Zuhause. Einen Absatz über die Therapie, die bald endlich vorbei ist. Einen Absatz über Corona. Einen Absatz zum Kontaktabbruch zu meinem Eltern. Einen Absatz über den Tod meines Opas und die Wiederaufnahme des Kontakts. Einen Absatz über die Ausbildung. Einen Absatz über Worte wie chronische Krankheit und Behinderung und was sie für mich bedeuteten. Einen Absatz über die Liebe, die gerade mein Leben erfüllt. Einen Absatz über Stabilität und Rückfälle. Einen Absatz übers Schreiben.
Wer weiß, vielleicht schreibe ich wirklich einen dieser Absätze, irgendwann. Vielleicht schreibe ich etwas völlig anderes. Vielleicht wird das hier ein Neubeginn und schreibe anders als zuvor. Vielleicht wird es eine Fortsetzung. Vielleicht wird es nur dieser eine Post. Wir werden sehen.