In letzter Zeit sehe ich wieder mehr in den Spiegel und betrachte die, die mich von dort anblickt. Seit einer Weile weiß ich jetzt, dass es nicht die Norm ist, einen Spiegel zu brauchen, um zu begreifen, wie Lippen und Augen geformt sind, wie das Kinn sich biegt und die Nase sich bewegt. Seit einer Weile würde ich das Bild hinterm Glas gerne festhalten können, würde gerne die Augen schließen und es sehen können. Seit ich weiß, dass mir etwas fehlt, fehlt es mir tatsächlich. Es fehlt mir, zu wissen, wie sich die Haut um das Blau seiner Augen formt, wenn ich ihn gerade nicht sehe. Es fehlt mir, ihr Lachen, dass ich besser kenne, als jedes andere, vor meinem inneren Auge zu sehen statt nur zu hören. Es fehlt mir, den Schwung seines Bartes, in dem sich so oft meine Finger verlieren, in dieser ungewohnten Entfernung noch zu kennen. Es fehlt mir, eine Beständigkeit zu haben bei etwas, das ich jeden Tag ersten Mal sehe und dann doch nie behalte.
Sonntag, 27. Juni 2021
Hinter dem Spiegel
Zur Zeit ist es fast, als würde ich zwei Leben führen, für eine gewisse Zeit in einer Parallelwelt existieren. Ich bin im Wunderland, bin Alice hinter den Spiegeln. Ich bin noch immer ich, doch in einer anderen Welt wirkt auch mein ich anders. Und ich frage mich, was passiert, wenn ich in die Wirklichkeit zurück muss, wie viel ich durch den Spiegel mit mir nehmen kann. Ein Teil von mir hat Angst, dass das gerade nur eine Ausnahme ist, ein Urlaubs-Ich, das ich ein paar Wochen wieder verschwindet, wenn der Alltag mein Leben beherrscht. Der Alltag drängt und jagt mich, doch er leitet und führt mich auch und eigentlich mag ich meinen Alltag, der gerade so fern scheint, echt gerne. Ich mag die Menschen, die ihn füllen und das Leben, dass ich lebe. Doch ich mag auch dieses Spiegelleben, dieses andere Ich, dass hier plötzlich so klar und sicher ist. Ich will es behalten, wenn ich zurück gehe. Ich will etwas haben, das bleibt.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen