Wenn ich schreibe, schreibe ich über mich. Ich-Erzähler ist die Form, in der bloggen funktioniert. Doch manchmal würde ich gerne als allwissender Erzähler schreiben, will schreiben, wie Eve sich vor ihren Laptop setzt und diese Worte tippt und was die Person neben ihr dabei denkt. Doch ich weiß nicht, was die Person neben mir denkt. Ich kenne stets nur meinen eigenen Teil der Geschichte und kann nichts über die der anderen sagen.
Alles, was ich schreibe, hat einen Bias und ist sehr stark durch meine Wahrnehmung geprägt. So funktioniert die Welt und manchmal überfordert mich das. Manchmal würde ich gerne Gedanken lesen können, würde gerne die Erinnerungen gemeinsamer Erlebnisse von anderen abrufen können und begreifen, wie sehr der Blickwinkel die Geschichte bestimmt.
Es gibt Menschen, in deren Geschichte ich der Bösewicht bin. Bei manchen von ihnen weiß ich das und kann es verstehen. Bei anderen weiß ich es und möchte es verstehen. Bei einem weiß ich es und möchte widersprechen. Denn er ist ein Bösewicht in meiner.
Jede Geschichte hat zwei Seiten und ich kenne stets nur meine eigene. Ich weiß nicht, wie ich unsere Beziehung im Nachhinein fair beschreiben könnte, denn mit Innensicht von mir und Außensicht von ihm wird es immer eine klare Tendenz, eine Täterrolle geben. Ich weiß das und doch kann ich es nur bedingt ändern. Selbst, wenn ich immer dazu sage, das seine Taten nur ein Versehen sein könnten, dass das Muster nur ein Zufall sein könnte, spätestens wenn ich von den Flashbacks und der Panik erzähle, die mich heute so verlässlich begleiten, bilden sich Menschen eine Meinung. So wie ich mir ein gebildet habe. Ich sage mir selbst immer wieder, dass ich Unrecht haben könnte, manchmal glaube ich das sogar, aber letztendlich ändert es nichts. Es ändert nicht, dass ich langfristig eine Traumatherapie machen muss. Es ändert nicht, dass ich bei dem einfachen Gedanken daran, ihn wiederzusehen dissoziiere. Es ändert nicht, dass ich an schlechten Tagen Angst vor Duschen habe.
Wenn ich aus einer allwissenden Perspektive schreiben würde, wäre dies der Teil, an dem seine Meinung steht und seine Sicht der Dinge. Hier würde stehen, wie es ihm heute geht und wer weiß, vielleicht würde sich daraus ein ganz anderes Täterbild ergeben. Vielleicht wäre ich dann die Böse oder dieser Beitrag zumindest besser ausgewogen. Ich wünschte, ich könnte hier die Perspektive wechseln und so zwischen den Worten die Wahrheit finden, was das damals war. Ich wünschte, ich könnte hier ein für allemal klären, welche Seite Recht hat oder wo in der Mitte letztendlich die richtige Perspektive liegt, aber leider bleibt mir nichts als mein eigenes Gefühl, mein eigener verfälschender Blick, um die Dinge einzuordnen.
Frustriert von dieser Erkenntnis, die sie eigentlich schon immer hatte, beendet Eve ihren Blogpost, atmet einmal tief durch, um all die Gefühle, die sich während des Schreibens in ihr anstauten, rauszulassen und drückt auf den kleinen roten Knopf, der ihre Worte in die Welt schickt, wo sich andere ein Bild davon machen können. Die Menschen um sie herum merken nichts davon. Sie sind mit ihren eigenen Geschichten beschäftigt.
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