Dienstag, 11. Dezember 2018

Das Trolley-Problem

These:
Mein Wert wird gemessen an dem Wert, den ich für Andere innehabe. Gleichzeitig wird ein jeder meiner Freunde stets einen größeren Wert haben als ich.

Auf den ersten Blick scheint mir das richtig so. Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft sind wichtige Werte und ich richte mein Leben gerne nach ihnen aus. Als ich einst über Selbstverwirklichung nachdachte, empfand ich diese zwar als erstrebenswert, aber auch als egoistisch. Egoismus möchte ich nicht leben. Doch was ist mit Selbstfürsorge? Wenn ich nur für andere lebe, was lebe dann ich? 
Wenn Selbstverleugnung zu Selbstverletzung wird und später zu Selbstmord, stimmt etwas nicht. 

Wann immer ich die Geschichte meiner Suizidalität erzähle, muss ich auch die Geschichte ihrer Suizidalität erzählen, denn unsere Geschichten sind so sehr verwoben, dass meine ohne ihre keinen Anfang hat und sie ohne mich heute vielleicht tot wäre, ich weiß es nicht. Doch sie lebt und weil sie das tut, erzähle ich die Geschichte inzwischen anders. Denn solange sie lacht und atmet und weint und lebt bin ich nicht bereit, ihr altes Stigma für neue Menschen sichtbar zu machen. Nicht erneut. 
Was damals passiert ist, darüber bin ich nie hinweg gekommen und es holt mich immer wieder ein. Ich weiß noch immer nicht, ob ich richtig gehandelt habe. Sie kann ich nicht fragen.

Manchmal erinnert es mich an das Trolley-Problem, dass ich hier von Wikipedia kopiere:
Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Umstellen einer Weiche kann die Straßenbahn auf ein anderes Gleis umgeleitet werden. Unglücklicherweise befindet sich dort eine weitere Person. Darf (durch Umlegen der Weiche) der Tod einer Person in Kauf genommen werden, um das Leben von fünf Personen zu retten? (Foot, 1967)

Es gibt verschiedene Varianten dieses moralischen Gedankenexperiments, bei denen kleine Unterschiede der Grundsituation zu verschiedenen Reaktionen führen. 
Wenn zum Beispiel keine Weiche existieren würde, aber neben dem Gleis ein dicker Mensch stünde, würden diesen wesentlich weniger Menschen vor die Bahn schubsen, als die Weiche umgestellt hätten, obwohl auch da letztendlich der Tod einer Person fürs Überleben fünf anderer genutzt werden könnte.

Und wenn dort eine Person läge, die ich liebe, und ich sie retten könnte, indem ich mich selbst vor die Bahn werfe? Diese Frage stellte sich mir vor bald fünf Jahren und ich beantworte sie ohne zu zögern. In dem Glauben, es zu überleben und einem Gefühl von das-ist-es-wert, warf ich mich vor sie auf die Schienen, erst metaphorisch immer und immer wieder und dann später buchstäblicher. Und bis heute weiß ich nicht, ob es das wert war. Ich habe damals keine dritte Option gesehen. Es gab nur sie-retten-mich-opfern und sie-opfern-mich-retten und da ich meinen Wert an ihrem maß, fiel mir die Wahl leicht. An den Schaffner, einen fremden Menschen, der für diese Situation ausgebildet war und sie mit seinem Bremsen retten konnte ohne dass ich mich verletzten musste, dachte ich erst, als ich schon auf den Schienen lag. Und so blieben Schäden zurück.

Die Strukturierung in schwarz/weiß, richtig/falsch, ja/nein ist etwas, das ich trotz seiner Unmöglichkeit noch immer irgendwie anstrebe. Trotz all meinem Wissen jage ich der magischen 42 hinterher und hoffe, mit der einen Antwort nicht mehr puzzeln zu müssen. Ich merke das daran, wie gerne ich Thesen aufstelle und wie sehr ich mich ärgere, wenn sie nicht gültig sind. Eine einfache Antwort auf eine kompliziere Frage ist noch immer etwas, dass ich mir so sehr wünsche. Doch ich finde sie nicht. Mein Wert lässt sich weder mit Zahlen noch mit anderen Menschen messen. Er lässt sich überhaupt nicht messen. Das eröffnet mehr Fragen als es beantwortet. Mein Kopf tut weh.
Wie schreibt man einen Schlusssatz darüber, dass Schlusssätze unmöglich sind?


Samstag, 18. August 2018

Worum es wirklich geht

Manch einer glaubt, bei einer Essstörung ginge es darum, abzunehmen. Dabei wird aber völlig außer Acht gelassen, dass das problematische Verhalten nicht bei einer bestimmten Zahl auf der Waage endet. Weil es nun mal nicht so einfach ist.
Manch einer glaubt, bei einer Essstörung ginge es um Kontrolle. Aber gibt es etwas, das mehr Kontrollverlust schreit, als nicht mehr in der Lage zu sein, den eigenen Körper und damit sich selbst zu versorgen? Weil es nun mal nicht so einfach ist.
Manch einer glaubt, bei einer Essstörung ginge es darum zu Kompensieren oder Druck abzubauen. Dafür gibt es jedoch weit wenige der schädigende Wege, Wege, die nicht so leicht tödlich sein können. Weil es nun mal nicht so einfach ist.
Manch einer glaubt, bei einer Essstörung ginge es um Aufmerksamkeit. Dabei leiden die meisten Betroffenen still und heimlich und fürchten die Entdeckung ihrer Erkrankung. Sie wollen verschwinden, nicht größer werden. Weil es nun mal nicht so einfach ist.

Ich habe jetzt verschiedene Dinge aufgezählt, um die es bei einer, bei meiner Essstörung nicht geht.  Bleibt die Frage, worum es wirklich geht.
Ich hatte noch nie ein normales Verhältnis zu Essen. Seit ich mich erinnern kann, war es immer eine Problematik. Und manchmal frage ich mich, ob ich schon immer eine Essstörung hatte. Der Begriff Picky Eater findet sich im ICD10 und ist eine gute Beschreibung meiner Kindheit. Das ich mich weigerte, etwas anderes als Nudeln zu essen und oft einfach gar nichts aß war nicht normal. Da waren sich schon damals alle einig. Dank meiner Oma und ihrer unglaublichen Geduld und endlosen Mühen ist mein Speiseplan inzwischen breiter gefächert. Ob das der Grund war, aus dem ich in die nächste Essstörung rutschte, weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich sehr genau an den Moment der Wende. 2008 erschien das Spiel Wii Fit erstmals in deutschen Geschäften und wie ich mit 12 war, wollte ich es unbedingt haben. Also bekam ich es. Das Problem begann mit dem ersten Benutzen. Im Spiel muss mal seine Größe angeben, das enthaltene Board wiegt dann und ermittelt einen BMI. Der Avatar auf dem Fernseher hat dadurch ungefähr die eigenen Maße. Und das war es. Ein Avatar, ein Haufen Pixel auf einem Bildschirm war nicht sehr dünn und ich beschloss, das zu ändern. Es begann mit einer Diät. Nur ein wenig abnehmen, nur die Figur dünner machen, die da herum hüpfte, mehr sollte es nie sein. Ich habe nicht geplant, was dann folgte, aber irgendwas in mir hat sich in den folgenden Jahren selbstständig gemacht.
Um das hier zu schreiben habe ich besagtes Spiel nochmal gegoogelt und gelesen, wann es erschien. 2008 ist 10 Jahre her, das ist fast die Hälfte meines Lebens. Das ist zu lang. Meine Essstörung wird Zehn und ich möchte schreien und weinen. Ich möchte dieses Spiel raussuchen und verbrennen, es mit einem Hammer zerschlagen. Ein Mal, nur ein einziges Mal soll der Hammer den wahren Bösewicht treffen, statt meine Stirn.

Worum es bei einer Essstörung wirklich geht, weiß ich nicht. Und vielleicht gibt es auch keine Antwort darauf. Vielleicht ist alles, was ich bekomme, die Chance, die nächsten zehn Jahre nicht mit so viel Leid zu füllen. Ich bin müde. Es ist anstrengend, so lange zu leiden. Doch mit der Müdigkeit kommt Unachtsamkeit, kommt Faulheit und wohin diese drei führen können, musste ich in der letzten Woche auf die harte Tour lernen. Ich bin nicht gesund. Wie könnte ich es sein, wenn die Krankheit nur hinter der nächsten Ecke auf meine Schwäche wartet und, sobald ich die zeige, zuschlägt? Hallo Rückfall.

Donnerstag, 31. Mai 2018

Schöne neue Welt

So. Da bin ich wieder. Viel ist passiert, aber ich habe gerade absolut keine Lust, das Vergangene nach zu erzählen. Die Gegenwart hält mich zu sehr in ihrem Bann. 
Probleme verschwinden nicht einfach so, werden nicht schnell ausradiert, wie es mit Diagnosen schon mal passieren kann. Oberärzte konnte ich noch nie leiden.
Es ist besser und ich traue mich schon fast, es gut zu nennen, wie es mir gerade geht. Aber nur fast, denn wie immer traue ich der Sache nicht. Ein Beigeschmack der Vergangenheit haftet noch an mir und ich bilde mir ein, Erbrochenes zu schmecken. Aber Einbildung ist auch eine Bildung und von letzterer habe ich im Urlaubssemester definitiv zu wenig. 
Und ich schwafle und komme nicht zum Punkt, obwohl ich das beim Lesen so sehr hasse. Also jetzt Absatz, Themenwechsel und der Eingang in eine schöne neue Welt.

Träume werden wahr. 
Träume, an die man glaubt und nach denen man sich sehnt, bleiben allzu oft Träume.
Träume, für die man etwas tut, können wahr werden. Das war die Lektion der letzten Tage.
Ich hatte schon immer eher seltsame Träume. Es waren die Art Träume, über die man mit niemand reden kann oder zumindest nicht, ohne als pervers abgestempelt zu werden. Ich habe diese Träume stets unterdrückt und gefürchtet. Bis ich sie traf. Im Hinterzimmer einer Bar begegneten mir Menschen, die meine Träume teilen und mich nicht verurteilen. Scheiße war das schön. 
Ich tauche ein in ein neues Leben, in eine neue Welt. Hier bin ich nicht kaputt, sondern passe irgendwie rein. Zumindest fühlt es sich so an. Dieses Gefühl ist so neu und wunderschön und ich halte es ganz fest. So schnell lasse ich es nicht mehr los. 
Und ich werde nicht los gelassen. Fest hält mich jemand in den Armen und es fühlt sich so unfassbar gut an. Mit Eulenaugen sehe ich ihn an und er erwidert meinen Blick und ich habe das Gefühl, dass er in mich sehen kann. Augen sind das Fenster zur Seele.

Montag, 12. März 2018

Rapunzel

Schon immer mochte ich Disney-Filme und wie wohl jedes Mädchen träumte ich davon eine Prinzessin zu werden. 
Bei meiner Liebe hat mich keiner dieser Filme so sehr und nachhaltig bewegt wie der 2010 erschienene Film Rapunzel neu verföhnt. Rapunzel mochte ich sogar noch mehr als Pocahontas, die bis dahin die Disney-Prinzessin war, mit der ich mich am meisten identifizieren konnte. Doch woran liegt diese Faszination, die immer noch anhält? 

Jede Figur braucht, damit eine Geschichte entsteht und funktioniert, eine Motivation. Das habe ich beim Schreiben gelernt. Und auch wenn wir Menschen etwa komplizierter gestrickt sind als so eine Filmfigur, haben wir Ziele und Träume, die uns antreiben und unsere (Lebens-)Motivation ausmachen. 
Seit ich denken kann, war mein größter Wunsch, nach Texas zu fahren. Das schreib ich bei dieser Frage stehts in das passende Kästchen (oder ließ es zunächst schreiben). Nichts habe ich mir mehr gewünscht und ich hätte alles dafür getan, dass dieser Wunsch wahr wird.
Als er wahr wurde, war ich 12 und weinte vor Glück, während sich der kleine Flieger im Landeanflug über Austin befand. Die folgenden Tage waren wie ein Traum, nur dass sie Realität waren und so verhielt es sich bisher mit jedem Besuch in meiner fernen Heimat. 
Und da liegt auch die tiefe Verbindung, die ich zu Rapunzel empfinde. In dem Film geht es um (und ich zitiere her aus dem Disney-Wiki) "Rapunzel (..) ein 18-jähriges Mädchen, das davon träumt, einmal die Himmelslaternen in der Nähe zu sehen, doch (...) Sie muss lebenslänglich in ihrem Turm bleiben."
Eigentlich bringt es das schon ziemlich gut auf den Punkt, doch ich möchte die Parallelen hier noch einmal deutlich zeigen:
Rapunzels Erinnerungen beginnen gefangen im Turm, denn als Baby im Schoss war sie noch zu klein, um sich daran erinnern zu können. Meine Erinnerungen beginnen in Deutschland und Texas kannte ich lange nur von Geschichten und Fotos. Doch weil man sich immer wünscht, was man nicht haben kann (vor allem, wenn man mit der Grundsituation unglücklich ist), träumt Rapunzel davon, den Turm zu verlassen, um die Laternen zu sehen (und ihr Leben beginnen zu lassen, wie es im ersten Lied heißt). Als ich das erste Mal nach Texas fragte, wurde mir nur erklärt, wie teuer und lang der Flug dahin wäre und dass ich ja nicht mal englisch könne. Mir wurde die Unmöglichkeit dieses Traumes mehrfach vor Augen gehalten. Ein wahrer Traum verschwindet aber nicht durch seine Unmöglichkeit. Man  lernt nur Geduld, aber die Hoffnung bleibt und wenn sich eine Möglichkeit bietet, nimmt man diese war. So war es bei Rapunzel und bei mir. 
Ich glaube, der Vergleich ist damit weit genug ausgeführt und ich habe deutlich gemacht, wo die Zusammenhänge liegen. Das Gefühl, einen Traum zu haben und alles dafür tun zu wollen, auch wenn es mit Widrigkeiten verbunden ist, ist eins, dass ich schon mein Leben lang kenne. Und gerade dieses Gefühl ist das Grundkonzept des Films.

Und jetzt sitze ich hier und höre den Soundtrack des Films auf Youtube in Dauerschleife, während ich schreibe. Über meinem Bett hängen Andenken an meinen Traum und seine Erfüllung. Auch wenn ich gerade recht melancholisch eingestellt bin, weiß ich, dass das vorbei gehen wird - spätestens bei der nächsten Texas-Reise.

Freitag, 19. Januar 2018

Wortlos & Rand der Metaphern

Und ich finde die Worte nicht, ich finde einfach die Worte nicht.
Denn wann immer ich draußen bin, weg von allem, kommen tausend Worte in mich rein und füllen mich mit sich an, dass ich sie nicht mehr trennen kann. Doch wenn ich dann alleine bin und mit Stift vor Papier sitze - leeres weißes Blatt - ist kein Wort mehr da. Alles ist leer.
Ich spüre, wie ich zerbreche, erst innerlich, dann äußerlich. Bald kann man den ersten Bruch sehen, wo es wieder beginnt. Und ich sehe nur dem stetigen Verfall zu und warte auf die Worte, die kommen und gehen. Und wenn sie kommen, will ich sie festhalten, mit all meiner Kraft, doch sie bleiben nie. Und immer wieder gehen sie fort und nehmen ein Stück von mir mit sich. 
Und so verliere ich langsam mich.



Ich mochte stets mein Weltbild mit dem Erdloch, der Wiese und dem Himmel, das ich einst in mein Tagebuch malte. Je nachdem in welcher Lage ich mich befinde, kann ich einordnen, wo ich in dieser Welt bin. Mal stehe ich auf der Wiese, oder liege im Gras. Das Glück lässt mich abheben und im Himmel schweben, zwischen den Wolken hindurch. Und an den dunklen Tagen bin ich im Erdloch und springe herum, um wieder hinauf zu kommen. 
Doch gestern wurde mir klar, dass ich mich vielleicht all die Zeit irrte. Was wäre wenn ich das Erdloch nie verließ? Wenn ich, als ich damals in ihm landete, einfach aufgab, die Augen schloss und nur in meiner Vorstellung entkam? Wenn alles, was seitdem war, ich nur erträumte? 
Am Rand der Metaphern wartet die Angst vor der Wahrheit.

Freitag, 5. Januar 2018

Von Luft und Liebe leben

Über die Feiertage habe ich zugenommen. Heute war wieder Waage-Tag und die +1,5 sind zwar äußerst deprimierend, aber irgendwie erträglich. Generell ist gerade alles etwas besser. Ich lebe zur Zeit von Luft und Liebe und das ist schön und gefährlich zugleich. Denn ohne Nahrung kann ein Mensch nicht lange überleben, das habe ich bereits am eigenen Leib erfahren. Und ich habe es bei anderen oft genug gesehen. Doch denen geht es jetzt besser und mir auch, oder? 
Und da ist dann noch er. Wir sind jetzt zusammen. Ich war Single und bin es jetzt nicht mehr und das ist schön und gefährlich zugleich. Ich bin seins, er ist meins und das Leben könnte so schön sein. Wären da nicht die 1,5 mehr, die mich fertig machen. Wäre da nicht die Angst, sie nicht wieder los zu werden. Die Therapie hat gestern begonnen und vielleicht könnte sie diesmal wirklich funktionieren. Wenn ich das will. Doch darüber mag ich mir gerade keine Gedanken mache. Ebenso wenig über den ständigen Schwindel und darüber, dass ich an Neujahr auf dem Boden der Tanzfläche lag und mir ein Türsteher ins Gesicht leuchtete. Ich bin gerade nicht besonders reflektiert und das macht mir ebenso viel Angst wie Hoffnung. Und das schlimmste ist, dass ich selbst darüber zu wenig reflektiere. Ob ich also nach dem momentanen Anlauf nehmen abhebe oder im Erdloch lande ist ungewiss und ich kann es nicht vorhersehen. Aber Luft und Liebe schmecken zu gut, um auf sie zu verzichten und wer braucht da schon Gedanken und Reflexionen?