Sonntag, 12. November 2017

Klinik-Buddies

Morgen beginnt die dritte und letzte Staffel der Vox-Serie "Club der roten Bänder", in der es um Freundschaften im Krankenhaus geht, und wenn man so lange krank war wie ich und so viele Monate auf psychiatrischen und internistischen Stationen verbracht hat, kennt man solche Freundschaften und weiß sie zu schätzen.

Mein bester Freund bezeichnet uns gerne als Therapie-Buddies, denn wir haben uns in der Klapse kennengelernt und noch immer ist er so ziemlich meine größte Stütze in Sachen Therapie. DJ D und Lord Starlight sind die Namen, die ich ihm am liebsten gebe, wenn ich umgekehrt Eve Rhymes und seine Lady Starlight sein darf. Er teilt mit mir diesen Klink-Humor, den man in der Realität nicht findet. Als wir uns kennen lernten, hatte ich noch öfter Infusionen und statt mich dafür mitleidig anzusehen prägte er den Slogen "läuft bei dir" mit Blick auf meinen Tropf. Neulich erst erschufen wir uns gegenseitig aus unseren Makeln Vampir-Superkräfte und auch sonst sehe ich meine Krankheit nicht als Drama an, wenn ich mit ihm zusammen bin, sondern als etwas, über das man reden und an dem man wachsen kann. Und selbst wenn es mir noch so scheiße geht, läuft es halt bei mir und irgendwie macht es das leichter. 
Seine Gedankenwelt ist genauso verworren wie meine und damit passen wir perfekt zusammen und ein Gespräch über den Tod geliebter Menschen, den eigenen Verfall, Twilight und das Versprechen, sich im Fall der Fälle gegenseitig in Vampire mit Seelen zu verwandeln, ist wahrscheinlich mit kaum jemanden so möglich, wie mit ihm

Mit seinem weibliches Gegenstück, meine letzte Therapiebegleitung, hatte ich einen schwierigen Start. Wir lernten uns ein halbes Jahr zuvor schon kennen und als dann klar wurde, dass wir am gleichen Tag auf die gleiche Station kommen würden, merkte ich trotz meiner Schwierigkeiten Menschen zu lesen, dass ihr das so gar nicht passte. Und so kamen wir in unterschiedliche Zimmer und Therapie-Gruppen und gingen uns auf engstem Raum die ersten Wochen ziemlich aus dem Weg. Ich weiß im Nachhinein gar nicht so genau, wann sich das änderte und ob es ein langsamer Prozess oder ein Ereignis war, aber noch während der Therapie nährten wir uns wieder an. Gegen Ende des Aufenthalts teilten wir uns sogar auf eigenen Wunsch ein Zimmer.
Heute ist sie ein wichtiger Mensch in meinem Leben und wir können offen darüber reden, was uns zunächst an einander abstieß und wie verdammt gruselig wir uns am Tiefpunkt gegenseitig fanden. Sie hilft mir durch den Alltag, obwohl sie weit weg ist, mit Telefonaten, Nachrichten und Erinnerungen, an all das, was wir gemeinsam erlebt und gelernt haben. Und auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, freue ich mich jetzt schon darauf, eines Tages für sie Babysitterin zu spielen.

Auch wenn die Zeit der Klinken hoffentlich hinter mir liegt und mein Leben sich der Normalität immer weiter an nährt, tut es gut, mit Menschen über meine Eulenaugen und die Probleme, die sie nun mal mit sich bringen, reden zu können. Es tut gut, Menschen zu haben, die diesen Teil von mir verstehen, weil sie ihn erlebt haben. Eine der Hauptbotschaften der oben genannten Vox-Serie ist, das in jedem Verlust auch ein Gewinn steckt und die Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich habe über ein Jahr meines Lebens im Krankenhaus verbracht, genauer nachzurechnen bringe ich nicht über mich, und in dieser Zeit, in der ich so viel verlor, zwei Freunde gewonnen, die mir allein mit ihrer Existenz jeden Tag so viel schenken.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen